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    Artikel von Hermann Patsch

   (Chormitglied des Nymphenburger Kantatenchors)
 
   über das Konzert am 23. Juni 2018 "König der Juden"
   von Alexander Glasunov

 

   Liebe Chorschwestern und –brüder!
Diesen Text habe ich für das Sonntagsblatt geschrieben, für das er aber viel zu lang geraten ist.
Ob ich ihn sonst irgendwo unterbringe, steht dahin. Vielleicht ist er zu spät und zu ernsthaft, vor allem aber eben zu umfänglich. Ich widme ihn euch, auch im Andenken an meinen 80. Geburtstag. 
Hermann

 

                       

 

 Bild: Hautzenberger
Aufführung des Konzertes mit dem Nymphenburger Kantatenchor "König der Juden" - Sprecher: Dietrich Weiß

 

Hermann Patsch

Ein nutzloser Fußballsieg und eine kleine Welturaufführung

Der Nymphenburger Kantatenchor führte Alexander Glasunovs „König der Juden“ als Passions- und  Ostermusik auf.

Wer erinnert sich noch an den vergeblichen Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Schweden am 23. Juni 2018 in der letzten Minute der Nachspielzeit? Fußballereignisse erliegen dem Vergessen, vor allem wenn sie nichts genutzt haben. Die deutsche Nationalmannschaft verlor das folgende Spiel, war als amtierender Weltmeister aus der Fußballweltmeisterschaft in Russland ausgeschieden und musste heimfahren. Das war für die Fußballfans enttäuschend, aber auch für den Nymphenburger Kantatenchor aus München, denn wegen des Spiels am 23. Juni bekamen nur wenige Musikhörer mit, welche musikalische Sensation der kleine Chor aus München verursacht hat.

Wenn ein Musikprogramm aufgestellt wird, wird eine Chorleitung in ihrer Planung wohl kaum darauf achten, ob vielleicht gleichzeitig eine Fußballweltmeisterschaft mit einem Spiel der eigenen Nationalmannschaftschaft stattfindet. Sondern sie fragt sich, welches Musikstück dem Niveau des Chores entsprechen kann und welches Instrumentalensemble für diesen Tag engagiert werden könnte. Alexander Glasunovs Musik erfordert ein umfängliches Orchester – und das für eine kleine Kirche mit begrenzten Honorarmöglichkeiten. Das ist die Leistung, die vorweg erbracht werden muss. Dann müssen Chor und Orchester eingeübt werden, was für einen Laienchor monatelange Arbeit bedeutet. Und dann, wenn die Plakate für die Aufführung gedruckt werden sollen, stellt sich heraus: Gleichzeitig findet ein Fußballspiel statt! Dann kann gerade noch der Beginn auf 18 Uhr vorgezogen werden. Aber das nutzte nur wenig, denn die Phantasie der Fußballfans war auf ein Open Viewing gerichtet und nicht auf ein öffentliches Kirchenkonzert. Die Stephanuskirche in Neuhausen-Nymphenburg blieb halbleer – oder sagen wir es positiv: Sie war halbvoll.

Dafür war das gebotene musikalische Programm sensationell gut: Felix Mendelssohn-Bartholdy „Lauda Sion“, Alexander Glasunov „König der Juden“. Mendelssohns Komposition wird nicht sehr häufig aufgeführt. Der evangelische Komponist, der sich bei seinem Besuch in Rom nach Luthers kräftiger Sprache in der Musik sehnte – er hat bei seinen biblischen Kompositionen stets Luthers Übersetzung genutzt, auch bei den Psalmen nicht an seinen Großvater Moses Mendelsohn gedacht – , hat den Kompositionsauftrag eines katholischen lateinischen Mess-Textes sehr ernst genommen. „Lauda Sion Salvatorem“ ist eine Fronleichnams-Sequenz des Kirchenvaters Thomas von Aquin von 1264, die den katholischen Christen zur Annahme der Transsubstantiationslehre verpflichtet („Dogma datur Christianis“). Die feierliche Uraufführung fand 1846 bei Anwesenheit des Komponisten in einer katholischen Kirche in Lüttich (Belgien) statt. Dem Chor und mehr noch dem Hörer überdeckt die romantische Musik die lateinische Theologie.

Die Aufführung von Glasunovs symphonischer Musik mit Chor war die eigentliche Sensation. Die besondere Art dieses Konzerts kann man eine Welturaufführung nennen. Das klingt unbescheiden, ist aber zutreffend, wie gleich näher begründet werden soll.

Über den Komponisten Alexander Konstantinowitsch Glasunov (1865-1936) kann man in den gängigen deutschen Lexika nicht viel finden. Er war ein Schüler Nikolai Rimski-Korsakows und war Jahrzehnte lang Leiter des Petersburger Konservatoriums. Im Alter lebte er als politischer Emigrant in Paris, wo er auch starb. Seine Bühnenmusik „Musik zum Drama Der König der Juden von K.R.“ (op. 95) wurde 1913 veröffentlicht, in Deutschland durch einen Leipziger Verleger 1915. Der Erste Weltkrieg und die Revolution der Bolschewiki verhinderte aufgrund des religiösen Themas eine Rezeption zu seinen Lebzeiten.

Das vergessene Passions- und Osterdrama eines russischen Großfürsten

Die Textvorlage, die Glasunov im Titel nennt, stammte von dem Großfürsten Konstantin Konstantinowitsch Romanov (1858-1915), von dem hier nur berichtet werden soll, dass er durch seinen rechtzeitigen Tod dem Mord an den Romanovs durch die Bolschewiki entging. Er war mit einer deutschen Adeligen verheiratet und muss, als Übersetzer Goethes und Schillers, mit der deutschen Sprache und Literatur als gut vertraut gelten. Obgleich ihn seine Herkunft zu einer militärischen Karriere zwang, fühlte er sich als Literat und Dichter. Er publizierte Gedichte und zu einem unbekannten Zeitpunkt ein religiöses Drama, in dem er die Passionsgeschichte Jesu vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung nach den vier Evangelien behandelte. Die sehr eingehenden und präzisen Regieanweisungen, die bei Aktwechsel auch Bilder genannt werden, erinnern an die Dramen des zeitgenössischen Naturalismus. Der Autor stellte sich das biblische Geschehen sehr plastisch vor. Über eine Aufführung zu Lebzeiten ist wenig zu erfahren. Vielleicht blieben sie privat. Wikepedia berichtet, dass Romanov bei einer Aufführung die wichtige Rolle des Joseph von Arimathia, der den Lobpsalm am Schluss spricht, selbst gespielt habe. Ein Neffe übersetzte das Drama ins Französische; in Deutschland erschien 1914, als „K.R.“ zur Kur in Deutschland war und wohl als Finanzier des Druckes angesehen werden muss, im Verlag von Heinrich Minden (Dresden und Leipzig) „Der König der Juden. Religiöses Drama in vier Akten und fünf Bildern von Großfürst Konstantin Konstantinowitsch von Rußland. Einzig autorisierte deutsche Übersetzung von Alfons Schultz. Mit dem Bildnis des Verfassers“. Der Ausbruch des Weltkriegs verhinderte jede Rezeption eines russischen Theaterstückes auf Deutschlands Bühnen. In das umfassende Kindlersche Literaturlexikon wurde es nicht aufgenommen. Womöglich wäre es ganz vergessen, wenn Glasunov es nicht zur Vorlage seiner „Musik zum Drama“ genommen hätte.

Das religiöse Drama Romanovs gehört in die russische Literaturgeschichte und kann hier nicht untersucht werden. Der Übersetzer hat es in fünffüßige Jamben übertragen, das heißt ganz im klassischen Sinne, und so war es wohl auch im russischen Text angelegt. Der Stück lebt, wie jedes Drama, von der Wechselrede und dem sich steigernden Geschehen. Die Personen sind der biblischen Vorlage nachempfunden. Auffällig ist die Gestalt der „Prokula“, der Gattin des Pilatus. Sie ist als bekehrte Anhängerin Jesu dargestellt, die – wie jeder Bach-Kenner von „Pilati Weib“ aus der „Matthäuspassion“ (Matthäus 27,19, dort noch ohne Namen) weiß – Pilatus umzustimmen versucht. Hier folgt der Autor der orthodoxen Tradition, in der Procula zur Heiligen wurde. Ihr Gedenktag ist der 27. Oktober. Joseph von Arimathia ist als prägende Gestalt der Gläubigen gestaltet; das andere Mitglied des Synedriums, Nikodemus, der zuerst zweifelte, wird durch das Zeugnis der Auferstehung bekehrt. Das Drama endet – anders als die gewohnten deutschen Passionen – nicht als Trauerspiel, sondern als Hymne an den Auferstandenen.

Eine symphonische Bühnenmusik

Glasunov, der den Autor vermutlich gekannt hat, musste sich für seine symphonische Bühnenmusik vom Text lösen und den Gang des Dramas musikalisch nachgestalten. Er komponierte ja keine Oper. Aber dreimal lässt er einen Chor den russischen Text singen: das Hosianna „Gesegnet seist du, Davids Sohn“ zu Beginn, beim Einzug Jesu in Jerusalem, dann einen Gesang der Jünger „O höre mich, Herr der Erlösung!“und schließlich die Lobeshymne am Schluss, die die Auferstehung Jesu preist „O lobet den Herrn im Himmel“. Man kann sich an Beethovens 9. Symphonie erinnern, die mit dem berühmten Chorgesang „Freude, schöner Götterfunken“ endet. Der Flyer zu der Aufführung des Nymphenburger Kantatenchors nennt Beethoven als Vorbild Glasunovs. Die Leiterin des Kantatenchors, Frau Maria Baron, musste die Wirklichkeit des Chores, aber auch der zu erwartenden Hörerinnen und Hörer in einer Kirche mit den Anforderungen der Musik in Übereinstimmung bringen. Das ist etwas ganz anderes als eine musikwissenschaftliche Herleitung.

Der Nymphenburger Kantatenchor leidet wie viele Laienchöre daran, dass er zu wenige Männerstimmen besitzt. Es war zum Beispiel von Anfang an klar, dass der Chor der Jünger, der ja verständlicherweise aus Männern besteht, nicht vierstimmig gesungen werden kann. Dieser Chor musste also für die Aufführung ausfallen. Die verbleibenden Chöre musste der Kantatenchor natürlich russisch singen, was aber von den Hörern kaum jemand würde verstehen können. Die beiden Texte wurden deshalb von Frau Baron, die eine geborene Khotyakova ist, für den Flyer in der Hand des Publikums neu übersetzt. Dieses sprachliche Problem ließ sich lösen.

Aber wie sollte das Publikum das der symphonischen Musik zugrunde liegende Geschehen nachvollziehen können? Bei Youtube kann man die Aufführung eines russischen Chores hören, während der etwa in der Mitte in einer künstlichen Pause der Musik ein Sprecher – natürlich auf Russisch – die biblische Geschichte erzählt. Das konnte eine Anregung sein, wie dem Zuhörer der Zusammenhang von dem dramatisierten Bibeltext des Autors und der Musik des Komponisten nahegebracht werden kann. Aber das ist insgesamt viel zu unanschaulich, weil der Erzähltext und die Musik auseinanderfallen. Die Musik anhalten zu lassen, damit erklärt wird, was inhaltlich gespielt wird, kann nicht im Sinne des Komponisten gewesen sein. Die Symphonie samt den russisch gesungenen Chören musste als Einheit erhalten bleiben. Das musste grundlegend verbessert werden. Und das gelang vollständig überzeugend durch die Einführung eines dramatischen Sprechers, der Teil der Musik wurde. Diese Einführung kann auch dadurch begründet werden, dass Glasunov selbst dreimal den melodischen Zwischenruf eines Sängers in sein Werk eingefügt hat. Es war ihm offensichtlich selbst bewusst, dass seine symphonische Musik einer sprecherischen Ergänzung bedurfte.

Der dramatische Sprecher als Teil der Musik

Die Aufführung in der Münchner Stephanuskirche konnte sich der genannten deutschen Übersetzung von Alfons Schultz aus dem Jahr 1914 bedienen, die ja von Romanov autorisiert worden war. Frau Baron und Hermann Patsch (der Verfasser dieses Berichtes) haben in gemeinsamer Absprache eine Fassung erarbeitet, die durch die Kunst des Sprechers und des Ensembles Nymphenburg zu einem Ereignis wurde, das man ohne Übertreibung eine kleine Welturaufführung nennen kann.

Die Symphonie beginnt ganz klassisch mit einer Introduktion, die in den ersten Chorgesang übergeht. Nach dem Schlusston der Introduktion ist der Ort für die vom Autor vorgesehenen Jubelrufe der Volksmenge beim Einzug Jesu in Jerusalem:“Gesegnet seist du, Davids Sohn! Hosianna!“ – „Heil, König Israels, im Namen Gottes! Hosianna dir!“ – „Hosianna in der Höh! Gesegnet unser König!“ (usw.) Diese Rufe könnten aus dem Chor erschallen. In unserem Fall wurden sie von dem Sprecher betont emotional gestaltet. In die verklingenden Rufe hinein beginnt das Thema des Chores „Gesegnet seist du, Davids Sohn!“, mit dem die Introduktion weitergeführt wird. Das Publikum kann der Musik inhaltlich genau folgen.

Der Dramatiker hat in seinem ersten Akt in Wechselrede das Geschehen weitergeführt bis zum Entschluss der Pharisäer und Sadduzäer, Jesus „geheim“, „des Nachts“ „im Dunkeln“ gefangen zu nehmen und zum Tode verurteilen zu lassen. Das ist dem Johannes-Evangelium entnommen (11,45-50), wird dann aber vom Dramatiker mit einem zynischen Hinweis auf die Wankelmütigkeit des Volkes weitergeführt: „Dieselbe Menge, die Ihm heute jubelnd wie einem Herrn und König nachgefolgt ist und Ihn vergöttert hat, wird morgen schon dem Glauben schenken, der sich unterfängt Ihn anzuklagen, ihren eignen Meister, und wird dann selbst Sein Todesurteil fordern.“ Die Musik untermalt diese jedem Bibelleser geläufige Folge mit einer leisen Trauermusik, die im zweiten Teil der Symphonie in den (vierstimmigen) Gesang der Jünger „ Höre mich, Herr der Erlösung!“ übergeht.

Der Komponist hat diese Hymne als die Bitte um Vergebung chorisch, dann symphonisch ausdrücklich gestaltet. Die dramatische Handlung bleibt stehen. Die Jünger Jesu singen, was die ganze christliche Kirche künftig beten wird. Dieser Teil konnte, wie bereits erwähnt, in der Münchner Aufführung nicht musiziert werden.

Der zweite Akt des Dramas spielt im Palast des Pilatus. Die Gefangennahme Jesu ist inzwischen erfolgt. Glasunov hat ebenso wie Romanov darauf verzichtet, dieses Geschehen nachzubilden. Die intimen Gespräche im Palast werden ausgespart. Die Handlung schreitet mit den Posaunenstößen der Leviten voran. Das muss den Hörern in den Worten des Joseph von Arimathia deutlich werden: „Ermannt euch! Hört ihr die Leviten blasen? Zu Gott, dem Allerhöchsten woll‘n wir beten jetzt in der Morgenröte früher Stunde.“ Der Trompetenton leitet die Schreckensnachricht ein: „O, Schreckliches ist unterdes geschehen: Im Rate des Synedrions ist Jesus in dieser Nacht zum Tod verurteilt worden.“ Der Sprecher muss – im Botenbericht – kurz erläutern, was dem Gefangenen im Hofe durch die Soldateska zugefügt wird und was durch das Orchester in heftigen musikalischen Einwürfen darstellen wird. Nach der Geißelung will Pilatus den „Unglücklichen“ freisprechen und seine Hände in Unschuld waschen, aber das Volk ruft: „Kreuz’ge, kreuz’ge Ihn!“ „Sein Blut komme über uns und unsre Kinder.“ Damit endet der zweite Akt des Dramas.

Es folgt eine längere, sehr dramatische Musik als „Zwischenakt zum ersten Bild des dritten Aktes“, die unterbrochen wird durch den Ruf: „Verloren ist nun alles, die Krieger errichten schon das schmachvolle Gerüst.“ und später durch die Klage des Nikodemus: „O grausames und widerspenst’ges Volk! Dem Untergang geweiht, von Gott verlassen! O Israel! (…)“, schließlich dem Bericht „Sieh, Joseph, dort, gestützet auf den Arm des liebsten Jüngers unsers hohen Meisters, folgt ihrem Sohn Maria, Seine Mutter. Der Kummer aller Mütter auf der Erde um ihre Kinder ist durch deinen Schmerz geheiliget in alle Ewigkeit.“ Das ist musikalisch mehr als die symphonische Schilderung eines „Zwischenaktes“ zu einem Bühnenbild, denn es wird ja die gesamte Handlung des Aktes wiedergeben. Glasunov hat sichtlich ernst genommen, dass Romanov sich in dem Bühnenbild des dritten Aktes Joseph von Arimathia auf einem Dach am Rand der Stadtmauer vorgestellt hat, von dem aus er das öffentliche Geschehen des Kreuzeswegs vom Schrei des Ausrufers an „Jesus aus Nazareth, der Juden König!“ überschauen konnte. Mit diesem Ruf beginnt die Musik dieses „Zwischenaktes zum 2. Bild des dritten Aktes“, und der Zuhörer ist durch die vorherigen kurzen Einwürfe des Sprechers hinreichend informiert über das Geschehen. Der Komponist hat eine klare optische Vorstellung von dem Ganzen. Dieser Ruf erfolgt im Drama Romanovs erst etwas später, aber der Komponist hat ihn bereits sehr bewusst hierher gesetzt, da dieser Text der Titulus am Kreuz sein wird und damit dem religiösen Drama und der dramatischen Symphonie den Titel gegeben hat. Das ist etwa in der Mitte des musikalischen Geschehens.

Die zweite Hälfte des dritten Aktes lässt den Gang Jesu zum Kreuz hinter der Bühne geschehen und gibt ihn nur in den Gesprächen der Augenzeugen wieder. Romanov hat hier sehr bewusst im Unterschied zu den gewohnten Passionsdramen auf das anschauliche Geschehen des leidenden Christus und der Kreuzigung selbst verzichtet. Im Kontrast dazu lässt er Pilatus in seinem Palast derweil eine üppige Tafelei abhalten, an der auch der Präfekt aus Rom teilnimmt. Der Tod Jesu wird nur indirekt in den Worten der Tribunen angedeutet: „Entschwunden ist die Sonne schon, und doch ist’s seit dem Mittag erst die dritte Stunde. Ganz ungewohnte Dämmerung deckt das Land. Der Schleier des geheimnisvollen Dunkels wird immer dichter. Bei wolkenlosem Himmel ward die Sonne finster, zur selben Stund‘ als auf dem Richtplatz dort gerad‘ die Kreuzigung begann.“ Die Musik spielt dazu eine Trauermusik, ein Andante lugubre. Aber dem Hörer muss der Kontrast zu dem römischen Gelage zu Ohren kommen. Glasunov nutzt hier genial eine kurze Szene, in der nach dem Preis des opulenten Essens („Kirschen und Feigen aus Ägypten, Äpfel und Pflaumen aus Damaskus“) der Wunsch nach einem Tanz geäußert wird: „Genossen, ich erhebe den Pokal aufs Wohl des Prokurators! ̶ Ja, sein Wohl! ̶ Die Sklavinnen, die tanzenden, ruft her! Die Tänzer Syriens!“ Hieraus entwickelt Glasunov eine rasante Ballettmusik „Syrischer Tanz“, mit vollem Orchestereinsatz samt Schlagwerk. Mitten hinein werden die Blitze und Donnerschläge des Unwetters beim Tod Jesu („Der Blitz, der Donner, dies Getöse! Die Erde schwankt!“) in Musik umgesetzt. Der Sprecher ruft diesen Satz in das Allegro hinein, das nach heftigen Orchestereffekten in einem Rallentando endet. Hier wird man den Höhepunkt des musikalischen Geschehens erleben können.

Der „Zwischenakt zum 4. Akt“ spielt im Garten des Joseph von Arimathia vor dem Grab Jesu. Der Zuhörer muss durch ein getragenes Adagio in eine andere theologische Seelenlage versetzt werden. Das kündigt der Sprecher durch das Bekenntnis der Prokula an (die Glasunov selbst nicht eingeführt hat, da er ja keine Solisten auftreten lässt): „Er, der Gerechte, uns von Gott Gesandte, der Wahrheit Sonne, Gottes eigner Sohn, ist elend, schmachvoll an das Kreuz geschlagen. Und ihr erstaunt, dass sich die Sonn‘ verfinstert, dass Blitze grell die Dunkelheit durchzucken, und dass des Himmels Donner drohend grollt, und dass in Graun der Erde Schoß erbebt? Ich glaube fest, laut sagt es mir mein Herz: Den letzten Odem hat Er ausgehaucht. Es ist vollbracht! O Gott! Gib, dass Sein Leiden die ganze Welt von ihrer Sünd‘ erlöse!“ Dieses soteriologische Bekenntnis führt zur Grablegung hin: „Was bleibt uns noch übrig als tiefer Gram, als Tränen nur und Klagen. Zum Grabe eil‘ ich, um, wie andre Frauen, mit Spezereien Jesu Leib zu salben.“ Da ertönt eine Hirtenschalmei. „Doch horch! Die Hirtenflöte! Es treibt der Hirt die Herde auf die Weide. Wie lieb‘ ich diese Töne!“ Auf sehr zarte Weise ist so durch die Hirten-Musik das Wunder der Auferstehung dargestellt worden.

Das Bekenntnis „Er ist nicht mehr im Grabe!“ „Er lebt! Er lebt! Er ist auferstanden! Ja, Christus ist auferstanden! In Wahrheit auferstanden!“ bleibt den gläubigen Zeugen vorbehalten, die den Lobpsalm des Joseph von Arimathia singen: „Lobt den Herrn im Himmel und singt ununterbrochen, die ganze Welt ist seiner Wunder voll. […] Christus ist auferstanden und hat den Tod für immer besiegt.“

 

Diese Passions- und Ostermusik ist es wert, häufiger gehört zu werden. Sie kann sich gleichwertig neben die anderen bekannten Passionsmusiken stellen lassen, denen sie voraus hat, dass sie nicht in dem Geschehen der Karwoche verharrt. Glasunov hat sich, wie gelegentliche Hinweise in der Partitur verraten, sowohl eine Bühnenmusik – also während einer Aufführung, in den „Zwischenakten“ – als auch eine konzertante Aufführung vorstellen können. Ob das jemals in der Sowjetunion verwirklicht wurde, wird man bezweifeln können. Auch in Deutschland wird man wohl nur mit einer konzertanten Aufführung rechnen können. Für eine solche aber braucht der Hörer, der Romanovs religiöses Drama „Der König der Juden“ nicht kennen und darum auch die Musik nicht einordnen kann, eine Hilfe, um dem dramatischen Geschehen folgen zu können. Das ist in der Münchner Aufführung durch die Einführung eines dramatischen Sprechers in deutscher Sprache als Teil der Musik geschehen. Das könnte der kirchlichen Musizierpraxis in der Passions- und Osterzeit ein neues Werk gewonnen haben.

 

In diesem Sinne hat der Neuhauser Kantatenchor aus München mit seinen begrenzten Mitteln eine Welturaufführung gewagt. Ein solcher Versuch kann andere Verwirklichungen hervorrufen, zumal ja der vierstimmige Chor der Jünger ausfallen musste. Die Musik Glasunovs hat ein kreatives Potential, das auch andere Lösungen etwa der Textverteilung, der optischen Gestaltung – es wäre unter Umständen auch ein Ballett für den syrischen Tanz denkbar – oder der musikantischen Praxis möglich und nötig machen könnte. Auch eine Aufführung mit filmischen Mitteln, mit noch stärkerer Berücksichtigung Romanovs, ließe sich vorstellen. Es gäbe mit Mut und Mühe für Dirigent/innen und größere Chöre als den Nymphenburger Kantatenchor noch mehr „Welturaufführungen“!

Zum Schluss verdienen die Musiker genannt zu werden, die diese neue Tat wagten: Dietrich Weiss als Sprecher; die Solisten des Mendelssohn-Konzertes verstärkten den Chor: Roswitha Schmelzl, Sopran; Veronika Sammer, Alt; Moon Yung Oh, Tenor; Gerrit Illenberger, Bass; Orchester: Ensemble Nymphenburg. Die Leitung hatte Thomas Baron.

 

Ein Fußballspiel, zumal ein erfolgloses, verliert seine Bedeutung, wenn es abgepfiffen wurde. Es wird so schnell wie möglich vergessen. Faszination übt das jeweils neue Spiel aus, solange es noch nicht stattgefunden hat. Das unterscheidet es von der Aufführung einer Musik. Eine musikalische Aufführung kann beliebig wiederholt und ständig verbessert werden. Im Grunde sind alle Konzerte „Welturaufführungen“. Die gelungene Verwirklichung einer genialen Musik bleibt für Ausführende und Hörer unvergessen.

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Zum ersten Mal wird in der Stephanuskirche

am Sonntag, den 25. Oktober 2015 um 18.00 Uhr
das Oratorium
„Paulus“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy
nach Worten der Heiligen Schrift

aufgeführt. Es ist in seiner Größe und Einmaligkeit dem nachfolgenden „Elias“ an die Seite zu stellen und war ein Auftragswerk des Frankfurter Cäcilienvereins. Zuvor hatte der Komponist die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach nach fast 100-jähriger Vergessenheit wieder aufgeführt. Die Auseinandersetzung mit der geistigen Größe Bachs war für ihn ein Vorbild und gleichzeitig Anregung, vor allem für die Choralbearbeitungen und Rezitative in diesem Oratorium.

Die Handlung besteht aus zwei Abschnitten: Zuerst wird berichtet, wie Stephanus von gesetzestreuen Juden gesteinigt wird. Unter den Eiferern befindet sich auch Saulus von Tarsus, der die Christengemeinde in Syrien verfolgen will.

Auf dem Weg nach Damaskus sieht er das Licht Jesu und erblindet. Danach „fiel es wie Schuppen von seinen Augen“ und er bekennt sich zu Christus. Nach dieser Erleuchtung ändert er auch seinen hebräischen Namen Saulus in den römischen Namen Paulus. Musikalisch wird die Wandlung ausgedrückt durch die beiden Chorsätze „Mache Dich auf, werde Licht“ und „O welch eine Tiefe des Reichtums“.

Der zweite Teil berichtet von seiner und Barnabas' Missionstätigkeit bei Juden und Heiden, die sich aber gegen ihn auflehnen. Es entstehen die Chöre der aufgebrachten Menge mit der Forderung, auch ihn zu steinigen. Der ehemalige Christenverfolger wird um des christlichen Glaubens willen selber verfolgt. Er nimmt in einer ergreifenden Szene Abschied von seiner Gemeinde in Ephesus. Das Werk endet mit dem Lobpreis „Lobe den Herrn, meine Seele“, Psalm 103.

Die Mitwirkenden sind:

Anna Haase von Brincken, Mezzosopran
Sibylle Hummel, Alt
Maximilian Kiener, Tenor
Maximilian Lika, Bass
Sinfonieorchester Nymphenburg
Leitung: Christine Schüttke

Karten zu 18,--/25,-- / Ermäßigung um je 5,-- € an der Abendkasse und im Vorverkauf bei Scheibner Bürobedarf (Nymphenburger Str. 190), Pfarramt der Stephanuskirche (Nibelungenstr. 51), Besucher können auch noch Eintrittskarten an der Abendkasse erhalten.Weitere Infos sehen Sie auf der Webseite des Nymphenburger Kantatenchors http://www.nymphenburgerkantatenchor.de und laufend aktuell auch auf unserer Facebookseite https://www.facebook.com/pages/Nymphenburger-Kantatenchor/168108207138.
 


Veranstaltung: "Paulus" von Felix Mendelssohn-Bartholdy
Wann: Sonntag, 25. Oktober 2015, 18:00 Uhr
Wo:  Stephanuskirche, Nibelungenstraße 51, 80639 München
Veranstalter: Nymphenburger Kantatenchor

Kantorin: Christine Schüttke, Tel. 089-131379, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Pressekontakt: Sina Riecke, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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